Mascha Kaléko - Emigranten-Monolog

Autorin: Mascha Kaléko

Titel: Emigranten-Monolog

Erscheinungsjahr: 1945

 

Formanalyse: 5 Strophen // 4 Verse pro Strophe //

 

Reime:

1. Strophe: Umarmender Reim

2. Strophe: Paarreim (Vers 3 und 4 unreiner Reim durch verschiedene Diphthonge “ei” und “eu”)

3. Strophe: Paarreim

4. Strophe: 2 und 4 Vers reimen sich (unreiner Reim durch weiche und harte Konsonanten)

5. Strophe: 2 und 4 Vers reimen sich

 

Auffälligkeit:

Das Reimschema macht deutlich, welche Strophen zusammengehören. Die 1. Strophe steht für sich, die 2. und 3. Strophe gehören zusammen und die 4. und 5. Strophe gehören zusammen.
Unabhängig vom Inhalt lässt sich über die formale Gestaltung und Ähnlichkeit der Strophen eine Zugehörigkeit festsetzen, auf die bei der Deutung des Inhaltes geachtet werden muss.

 

Rhetorische und sprachliche Mittel:

1.      Strophe:
„Das“ am Satzanfang zur Herstellung eines geografischen Vergleiches von „Rhein“ und „märkischen Sand“.
„Rhein“ als Symbol für Nordrhein-Westfalen, aus dem Heinrich Heine kommt.
„Märkischer Sand“ als Symbol für Brandenburg, aus dem Mascha Kaléko kommt.
(„Märkischer Sand“ stammt aus der Brandenburghymne und war von 1920/30 ein Marschlied und die inoffizielle Landeshymne von Brandenburg)

Lyrische Ich schafft hier einen Vergleich zwischen sich und Heinrich Heine, der 1831 nach Paris flüchtete, da er in Preußen wegen seiner jüdischen Herkunft angefeindet wurde und sein Leben bzw. sein kreatives Schaffen auf lange Sicht gefährdet sah. Naheliegend  ist, dass das lyrische Ich hier identisch ist mit Mascha Kaléko, da diese in Berlin (Brandenbuirg) lebte und auch ins Exil vor den Nazis floh, da ihre Schriften 1938 verboten wurden.

Die erste Strophe hat einen einführenden Charakter und schafft einen historischen und einen biografischen Vergleich.


2.      Strophe:

Das „Vaterland“ wird hier nur mit dem Verweis „siehe oben!“ angesprochen und selber nicht mehr genannt. Das lyrische Ich verwehrt sich der Verwendung dieses Begriffs, weil es diesen nicht mehr benutzen will, was wahrscheinlich damit zusammenhängt, dass die Nationalsozialisten den Begriff des „Vaterlands“ ebenfalls häufig benutzt haben.

Metapher der „Pest“: Der Schwarze Tod ist eine Krankheit, die Millionen Menschen in Europa im Mittelalter tötete. Die Pest wird hier durch das Verb „fraß“ personifiziert. Gemeint ist hier die nationalsozialistische Ideologie, die den Holocaust, den II. Weltkrieg und Millionen von Toten hervorgebracht hat.

Es folgt die Metapher des Rösleins, die für die Liebe des lyrischen Ichs zu seinem einstigen Vaterland steht. Dieses Röslein wurde durch „KraftduchFreude“ zerbrochen, wobei es sich um eine Organisation im 3. Reich handelte, die Einfluss auf das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Deutschen genommen hat, um die nationalsozialistische Ideologie in Form einer Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen zu erschaffen.
Das lyrische Ich formuliert somit den Zusammenbrich all dessen, was für das Vaterland eigentlich ausmachte.  

 

3.      Strophe
Kontrastive Gegenüberstellung zweier Tierarten, die unterschiedlicher nicht sein können.
Zuerst wird die Nachtigall genannt, bei dem es sich um einen Singvogel handelt, dessen Gesang im Gegensatz zu anderen Vogelarten als sehr angenehm und schön empfunden wird. Darüber hinaus ist der Nachtigall ein Vogel, der in vielen literarischen Werken (Shakespeare, Theodor Storm, Ovid, Walther von der Vogelweide, Hans Sachs, etc.) vorkommt und als ein Tier beschrieben wird, das für die Liebe und Vorahnungen steht.
Naheliegend ist darüber hinaus die Verbindung zur Kurzgeschichte von Oscar Wilde: „Die Nachtigall und die Rose“.
Der Geier hingegen ist ein vermeintlich hässlicher Vogel, der groß und schwermütig ist. Er ernährt sich von Aß und ist bekannt dafür, dass er sterbenden Tieren beim Sterben zuschaut, ehe er sich über ihren Kadaver hermacht.
Die Nachtigall kann hier stellvertretend für die Intellektuellen und für die Juden stehen, die aus Deutschland ins Exil flüchten mussten und nicht länger arbeiten und leben konnten, wie sie es wollten. Dafür steht das Verb „stumm“.
Die Geier hingegen stehen stellvertretend für die erstarkten Nationalsozialisten und den immer weiter um sich greifenden Antisemitismus sowie Hass auf alles „Anti-Deutsche“. Dazu passend wird das Verb „schreien“ benutzt.
Die Gräberreihen könnten in dieser Metapher für das stehen, was die Deutschen schon verloren haben bzw. für die toten, die im Laufe der nationalsozialistischen Diktatur entstanden sind.

Strophe 2 und 3 führen das eingeführte Thema aus der ersten Strophe metaphorisch fort und beschreiben auf bildhafte Weise, wie sich das einstige Vaterland gewandelt hat. Dies geschieht in beiden Strophen durch eine kontrastive Darstellung von dem, wie es war und was daraus gemacht wurde.


4.      Strophe
Es wird festgestellt, dass das Vaterland (Vgl. V. 13, „Das“) nie wieder wird, wie es war. Statuiert wird in V. 14, dass es aber anders wird. Dennoch klingt durch das „nie“ in V. 13 etwas Endgültiges durchklingen lässt und aufzeigen will, dass irgendwas – was, ist nicht klar – für immer verloren gegangen und nicht wieder herzustellen ist. Dieser permanente Verlust wird durch die Aufzählung in V.15 deutlich, verstärkt durch die Anapher „Auch“ am Versanfang (Vgl. V.15 f.) und der kontrastiven Gegenüberstellung von dem, was ist (Vgl. V.15) nämlich wohlklingenden Glöckchen, und dem, was war (Vgl. V. 16), nämlich Schwerter Geklirre. Die Verneinung der klirrenden Schwerter, hier als Symbol für den vergangenen Krieg, verstärkt diese Gegenüberstellung nochmals.

Kaléko beschreibt mir dieser Strophe, dass Deutschland nach dem Krieg und den damit verbundenen Toten und den Schrecken des Holocausts eine Schuld auf sich geladen hat, die es nie wieder negieren können wird. Das, was Deutschland für sie und andere Menschen vor dem Krieg bedeutet hast, ist dahin und kann nicht wieder hergestellt werden. Deutschland wird durch diese Schuld nie wieder das sein, was es vor dem Krieg war.

 

5.      Strophe
Strophe 5 leitet mit einem starken Enjambement ein (Vgl. V. 17f.). Verwendet wird hier die Metapher des zerbrochenen Herzens, das eine kaputte Liebe beschreibt. Das Enjambement leitet schwungvoll in das weniger schwungvolle Ende des Gedichtes über. Wieder findet sich eine Anapher (Vgl. V. 19f.;“Ich“), der Verweis darauf, dass das lyrische ich Heimweh verspürt, aber nicht sagen kann, wo sich diese Heimat befindet.

Die letzte Strophe mach den Bruch des lyrischen Ichs mit der Heimat deutlich. Als Emigrant in der Ferne und durch den Krieg, hat das lyrische Ich, welches gleichzusetzen ist mit dem Emigranten in der Überschrift, keine Heimat mehr, die Ziel seines Heimwehs werden kann. Das Land, das es verlassen hat, ist nicht mehr dasselbe Land. Das Gefühl von Heimweh läuft so ins Leere. Der Krieg hat eine solche Transformation geschaffen, wahrscheinlich mehr auf die gesellschaftlichen Prozesse bezogen als auf die physische Zerstörung im Land, dass das lyrische Ich jegliches Gefühl von Heimat für sein einstiges Vaterland verloren hat.

Kaléko bezieht sich hier indirekt auf die Kriegsschuld und den Holocaust. Deutschland ist nach Ausgang des Krieges der Täterschaft in 6 Million Fällen für schuldig erklärt worden und verantwortlich für einen der größten Genozide der Menschheitsgeschichte. Als ehemalige Deutsche, die vor dem Krieg als Emigrantin ins Ausland floh, ist Deutschland nun ein anderes Land für sie, für das sie einen Großteil ihrer Sympathien eingebüßt hat.

Das lyrische Ich ist nicht mit Mascha Kaléko gleichzusetzten. Dennoch lassen sich biografische Parallelen ziehen, um das Gedicht zu analysieren. 

 

 

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