Charakterisierung Franz Woyzeck

Was treibt die Hauptfigur des Dramas "Woyzeck" an? Warum verfällt er dem Wahnsinn und wird zum Mörder?

Woyzeck ist ein Soldat, welcher der sozialen Unterschicht angehört. Als einfacher Soldat steht er hierarchisch am unteren Ende der Befehlskette.

Sein sozialer Missstand spiegelt sich sowohl in seiner privaten als auch in seiner beruflichen Situation wieder.

 

Seine private Situation ist definiert durch die Beziehung zu seiner geliebten Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat. Der damit verbundene Moralbruch ist unter der Prämisse einer katholisch geprägten Gesellschaft zu verstehen. Dieser von der Gesellschaft als moralisch-verwerflich angesehene Fehltritt wirkt sich auf den Soldatenberuf Woyzecks aus. Er wird beispielsweise vom Hauptmann auf seine Lebenssituation angesprochen. Er sagt, Woyzeck sei ein guter Mensch, habe aber moralisch verwerflich gehandelt: Er nennt das uneheliche Kind als ein Kind ohne Segen der Kirche. Woyzeck bietet dem Hauptmann hier allerdings die Stirn, womit er den Hauptmann sogar ein wenig überrumpelt.

Die Machtverhältnisse sind allerdings klar geregelt und so wird Woyzeck vom Hauptmann am Ende dazu befehligt zu gehen, als dieser das Gespräch nicht weiterführen will.

Das gleiche gilt gegenüber anderen Figuren in der Erzählung: Dem Doktor ist er bspw. zum einen Unterlegen, weil dieser gebildet ist und Woyzeck zum anderen abhängig ist von ihm.
 

Woyzeck wirkt als Charakter immer wieder kämpferisch, ist am Ende aber immer der vermeintliche Verlierer, da er aufgrund seiner niederen sozialen Stellung und seines fehlenden Intellektes nicht mithalten kann. Auch dem Tambourmajor ist er in einer körperlichen Auseinandersetzung unterlegen, da ihn die Erbsen-Diät des Doktors physisch vollkommen entkräftet hat.

 

Seine Unterwürfigkeit ist aber nicht einfach auf seine soziale Rolle zu reduzieren, sondern muss auch in seiner Rolle als Vater verstanden werden. Woyzeck zeichnet sich verantwortlich für Marie und das uneheliche Kind, gleichwohl er sich um diese nicht kümmern müsste. Dennoch nimmt der die Schikane durch seine Vorgesetzten auf sich und lässt sich auf das Experiment mit dem Doktor ein, um seinen kärglichen Sold zu verbessern.

 

Der dabei aufkommende Wahnsinn, den Woyzeck im Laufe des Dramas erlebt, steigert sich zunehmend. Ob der Wahnsinn Woyzecks erst im Zuge dieser Schikanen entstanden ist oder nicht, lässt sich nicht abschließend klären. Naheliegend erscheint es aber, dass dieser Wahnsinn durch die Erfahrung der Schikane, der Aufopferung für Marie und den unehelichen Sohn den kritischen Punkt in dem Moment übersteigen, da ihm die Affäre Maries mit dem Tambourmajor klar wird.

 

Dieser physisch und psychisch vollkommen entkräftete Charakter zerbricht also im Wechselspiel seiner sozialen und beruflichen Umwelt – er wird zum Mörder seiner Geliebten. Dieser Mord ist der einzig vorhandene und traurige Sieg, den Woyzeck im Drama erringen kann. In diesem Sieg – ob vom Wahnsinn geleitet oder nicht – liegt gleichzeitig der Verlust von allem, was ihn noch an diese Gesellschaft gebunden hat. Als Mörder kann er nicht mehr Teil dieser Gesellschaft sein und flieht schließ.