Die soziale Kritik - Figuren und Soziales in Georg Büchners Woyzeck

Eine kurze Interpretation des Werkes unter Bezug auf die Konstellation der Figuren und ihre Bedeutung im Kontext der sozialen Ständeordnung und der bürgerlichen Tugenden

Georg Büchner selbst ist der Bewegung des Vormärzes zu zuordnen. Diese literarische Bewegung war beflügelt von der Julirevolution in Frankreich und stand ganz im Zeichen der Aufklärung.
Das Werk “Woyzeck” formuliert in literarischer Form eine Gesellschaftskritik an der ständischen Gliederung der deutschen Gesellschaft. Dies wird mit Blick auf die Figurenkonstellation und Sprache besonders deutlich.

Woyzeck ist in dieser Gesellschaft ein von den Umständen Unterdrückter. Die Mechanismen gesellschaftlicher Unterdrückungsmechanismen werden vor allem in den Figuren des Hauptmannes, des Tambourmajor und des Doktors deutlich.

 

Der Hauptmann wertet Woyzeck wegen seiner ärmlichen Herkunft ab und nennt ihn unmoralisch, weil er ein uneheliches Kind hat.
Der Doktor nutzt ihn als Versuchsobjekt aus und bezahlt ihn dafür, sich gesundheitsschädigend zu ernähren. Dabei stellt er die die Ansprüche der Wissenschaft höher als das menschliche Leben, das er dabei riskiert.
Der Tambourmajor peinigt Woyzeck sowohl privat als auch öffentlich und lässt sich auf dessen Geliebte Marie ein.

 

 

Die Kritik richtet sich dabei an drei unterschiedliche Instanzen. Der Hauptmann argumentgiert religiös und definiert seine moralische Vorstellung auf der Basis kirchenrechtlich gestützter Dogmen – von der Kirche verbindlich und normative Glaubensaussagen – ohne die konkrete Lebenssituation Woyzecks zu reflektieren. Er verurteilt ihn auf der Basis seiner eigenen moralischen Vorstellungen und wiegelt die Argumente Woyzecks ab, ohne auf sie einzugehen. Damit wird die religiöse Vormachtstellung der Kirche und ihrer durch Dogmen begründeten Moralvorstellung kritisch beleuchtet, weil der Hauptmann nicht durch Argumente sondern durch seinen Stand bzw. seine Position die Argumentation beendet. Klar wird: Die besseren Argumente hat er nicht, sondern nur Macht.

 

Im selben Maße gilt das für den Doktor. Der Doktor repräsentiert den Wissenschaftsapparat und pervertiert die Motive der Aufklärung zu Gunsten der Wissenschaft. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind ihm wichtiger als das menschliche Leben, gemäß des Grundsatzes: Wenn das einzelne Menschenleben hilft anderen Menschen zu helfen, sind diese Opfer zu bringen.
Er nutzt seine gesellschaftliche Position und die von Woyzeck aus, um diesen klein zu machen und unter Druck zu setzten. Die Kritik am Grundgedanken der Aufklärung lautet hier, dass diese dem Menschen auch nur dann hilft, wenn das Wohl des Menschen – der humanistische Grundgedanke – oberste Priorität hat.

 

Der Tambourmajor ist im Kontext der Ständegesellschaft zu sehen: Sein moralisches Verhalten bspw. Wird im Kontext seines sozialen Standes als moralisch nicht verwerflich angesehen. So machen sich der Hauptmann und der Doktor über Woyzeck lustig, weil sei mitbekommen haben, dass der Tambourmajor eine Affäre mit Marie habe. Die Gegenüberstellung von moralisch-verwerflichem Verhalten wird dem einen, Woyzeck, als moralischer Fehltritt ausgelegt. Die Affäre, die der Tambourmajor mit Marie, gereicht diesem nicht zum Nachteil; das Gegenteil ist der Fall. Dieser Vorfall wird zur weiteren Drangsalierung Woyzecks genutzt.

 

Der schreiende Widerspruch in dieser Figurenkonstellation wird mit Blick auf die bürgerlichen Tugenden der Zeit ebenfalls deutlich.
Als bürgerliche Tugenden galten Fleiß, Ehrlichkeit, Treue, Pflichtgefühl und Bescheidenheit. All diese Tugenden erfüllt Woyzeck mit aller Kraft. Die ihm sozial übergeordneten Figuren, von denen man ein tugendhafteres Verhalten erwarten würde, kommen diesen Tugenden nur bedingt nach.
 

 

Der Wahnsinn, den Woyzeck im Verlauf des Dramas erliegt, kann in diesem Kontext auch metaphorisch verstanden werden: Der Wahnsinn ist die einzige Möglichkeit dem gesellschaftlichen Korsett von Ständen und sozialer Schicht zu entkommen. Durch den Mord an Marie verbaut er sich jede Möglichkeit auf eine Rückkehr in das Leben dieser Gesellschaft, die ihn hat krank werden lassen. Umso dramatischer erscheint es, dass der Mord “unter seines Gleichens” stattfinden muss. Hier drückt sich nicht nur die Enttäuschung über den sexuellen Betrug aus, sondern auch über die Missachtung all seiner Mühen selbst diesen niedrigen sozialen Stand aufrechtzuerhalten – bei gleichzeitiger Wahrung der bürgerlichen Tugenden, die von jenen, die sie urteilend anwenden, selbst nicht gelebt werden.